Projektion

Wie der Körper, so hat auch die Psyche ein Abwehr-, resp. Immunsystem entwickelt, um sich vor Verletzungen zu schützen. Eine dieser Mechanismen ist die 'Projektion'.

Viele von uns erlebten in der Kindheit, dass nicht alle unsere Anteile der Psyche willkommen geheissen wurden. So wurden wir zum Beispiel durch Familie, Schule und Öffentlichkeit verurteilt oder bestraft, wenn wir Aggression, Neid, Gier, Wut, Sexualität oder Unordnung ausleben wollten.

Diese Eigenschaften wurden seit Generationen als schlecht und böse bewertet. Die in uns gespeicherte Erfahrung, dass wir im Ausleben dieser Anteile nicht geliebt wurden, hat bewirkt, dass wir diese Anteile zu einem bestimmten Zeitpunkt unserer Seelenreise 'verbannen' wollten. Seitdem glauben wir, diese Anteile nicht mehr in uns selber zu finden, in der Hoffnung, dass uns das Aussen ohne sie liebt.

Diesen 'verbannt geglaubten' Anteilen begegnen wir jedoch immer wieder, scheinbar unverhofft in anderen.

Verstehen können wir dies wie folgt:

Unser Kopf ist eine Art Projektor, indem ein Filmband läuft. Das Aussen ist die Leinwand. Wie in einem Kino schauen wir auf die Leinwand (auf das, was uns im Aussen begegnet). Der Film selbst ist jedoch nicht wirklich dort, wo wir hinschauen und wo wir meinen, ihn zu sehen. Was wir sehen ist nur eine Projektion von Licht und Schatten des Filmes, welcher sich im Projektor, in uns selbst befindet.

Wenn wir verliebt sind, sieht alles um uns wunderschön aus. Wenn wir ärgerlich sind, erscheint uns dasselbe allerhässlichst.
Wir können das wahre Wesen des anderen nur dadurch erkennen, wenn wir lernen, ohne Hilfe des Kopfes zu schauen.

Nehmen wir unsere eigenen, verdrängten Anteile im Aussen wahr, indem wir projezieren, so empfinden wir diese als stöhrend und reagieren emotional, verärgert und gereizt, da wir meist unbewusst mit diesen Anteilen ja nichts mehr zu tun haben möchten.

Leider sind wir oft fest davon überzeugt, dass diese Anteile im Aussen nichts mit uns zu tun haben - doch darin liegt eine grosse Illusion.

Eine Projektion geschieht dann, wenn wir anderen unsere eigenen, versteckten Eigenschaften, Schwächen oder Probleme vorwerfen. Also wenn wir zum Beispiel jemandem vorwerfen, dass er egoistisch ist, obwohl wir eigentlich selber egoistisch sind. Egoismus bei uns selber zu anerkennen fällt sehr schwer. Denn wir haben den Glauben gespeichert, dass wir dadurch nicht geliebt sind.

Wenn wir also projezieren, übertragen wir unsere eigenen unterdrückten Themen, Ängste oder Sorgen auf andere und merken es nicht.

Wer es zum Beispiel selbst nicht so genau mit der Wahrheit nimmt, der unterstellt anderen Menschen oft, dass sie nicht die Wahrheit sagen. Oder wem es an Selbstvertrauen mangelt und auf einen Menschen trifft, der von seinen Fähigkeiten vollkommen überzeugt ist, da kann es schnell passieren, dass wir diesen Menschen angeberisch, doof und unsympatisch finden, weil wir es als unangenehm empfinden, wenn jemand offen Selbstvertrauen zeigt und sich selber lobt. Wir neigen in solchen Momenten zu Urteil, empfinden das Verhalten des anderen nicht in Ordnung, weil wir diesen Anteil in uns ja selber ablehnen.

Nicht nur die Schönheit, sondern auch die Hässlichkeit wohnt mehr in unseren Augen als in der Wirklichkeit selbst. Wenn wir uns über andere aufregen, sehen wir also in erster Linie uns selbst, insbesondere unsere Werte. Was wir in der Welt da draußen sehen, wahrnehmen und bemerken sagt normalerweise mehr über uns aus als über die Welt selbst.

Das zu akzeptieren erfordert Mut, denn das Leben wird dadurch um einiges komplizierter. Wenn wir uns dem Projektionsmechanismus bewusst werden, gewinnen wir ein erstaunliches Stück Macht über unser eigenes Leben zurück, da es uns zunehmend gelingen wird, unsere eigenen Anteile wieder zu erkennen und diese ins eigene Ich zu integrieren.

Author: 

Marlen Groher