Die vegane Erdengemeinschaft

Wer in eine Familie hineingeboren wurde, in welcher Fleisch auf dem täglichen Menuplan stand, weiss, wie wunderbar Fleisch schmeckt und wie viele tolle Fleischgerichte die vielen Kochbücher bis heute bereits hervorzaubern konnten. Wer den Weg vom Fleischesser zum Veganer selber gegangen ist, weiss, dass dieser im Voraus unerdenkliche Entwicklungsschritt möglich ist und dass er befreiend wirkt. Den Zeitpunkt, an welchem wir diesen Schritt weg vom unbewussten Fleischesser hin zum bewussten Vegetarier, oder gleich zum Veganer machen, wird jeder von uns selber für sich wählen, nämlich dann, wenn er sich bereit dazu fühlt. Denn nur mit der inneren Bereitschaft ist dieser Schritt überhaupt möglich.


Nachdem einst Tiere nur in Jahreszeiten und in Lebensräumen erlegt wurden, wo der Boden nicht nahrhaft genug war, um Gemüse und Obst wachsen zu lassen, essen wir heute dank der Globalisierung ganzjählich und überall jede Art von Tierfleisch. Wir opfern die Tiere jedoch nicht mehr aus einer 'Notwendigkeit' des eigenen Überlebens heraus und töten sie auch nicht mit Würde gegenüber den Tieren, sondern aus reinem 'Genuss' und aus Geldgier. Und die Nachfrage nach dieser eiweisshaltigen Gaumenfreude ist in den vergangenen Jahrzehnten so rassant gestiegen, dass das Geschäft mit dem Fleisch zusätzlich boomte.


Um den global florierenden Handel mit Fleisch anzukurbeln, haben wir angefangen, die ganze Welt für die Produktion von Fleisch umzugestalten. Wo noch nicht saftiges Gras wuchs, um Rinder darauf weiden zu lassen, wurden Weiden künstlich geschaffen. Wo die Ställe zu klein waren, um genügend Tiere unterzubringen, wurden grössere Unterstellplätze gebaut.


Die Nachfrage nach Tierfleisch scheint bis heute unstillbar, obwohl uns die Informationen inzwischen alle bereits erreicht haben dürften, dass wir dadurch die Meere überfischen, die wichtigsten Wälder der Erde abholzen und nahrhaften Boden für tierisches wie menschliches Leben unfruchtbar machen.


Und obwohl wir alle die vielen globalen Ausbeutungen mitverfolgen, die uns auch erschüttern lassen, sehnen sich viele von uns noch immer nach einem täglichen Stück Fleisch, als gäbe es nichts Besseres. Viele Restaurants trauen sich nicht, das Fleisch von ihrer Speisekarte zu nehmen, da sie sich fürchten, ihre Stammkundschaft dadurch zu verlieren, welche seit Jahren die traditionellen Gerichte des Hauses geniesst. Viele Gastgeber von traditionellen Familienanlässen wie Weihnachten, erlauben sich nicht, den Weihnachtsbraten mit etwas Fleischlosem zu ersetzen, in Angst um Liebesentzug der blutsverwandten, Tradition gewohnten Gäste.


Wir essen Fleisch, geniessen es, bereiten es uns auch liebevoll und auf unzählige Weisen zu und reden uns ein, dass wir es brauchen. Und wir kaufen es an Orten, wo es zusätzlich liebevoll verpackt oder zugeschnitten wird, und kommen zur Meinung, dass wenn ein paar Menschen in der Verarbeitungs-Nahrungskette aus Liebe tun, es doch dann nichts Schlechtes sein kann.


Wer sich eines Tages dann plötzlich wieder erinnert, woher das frische Straussenfilet oder der Rinderbraten aus dem Regal stammt, wird aufwachen und anfangen, sich mit seinem Fleischkonsum auseinanderzusetzen. Und möglicherweise werden sich einige nach diesem Aufwachen miserabel fühlen und sich während einiger Zeit nur noch von Fleisch ernähren, welches etwas liebevoller in Ställen gehalten wurde. Und in einem nächsten Schritt werden wir uns dann dem gejagten Fleisch zuwenden, um den eigenen Fleischkonsum, den man noch immer nicht loslassen kann, ethisch wie moralisch begründet aufrecht erhalten zu können.


Und wir werden zur Meinung finden, dass der Tod eines Tieres nichts Schlechtes ist, wenn er würdevoll und in der Absicht der 'Notwendigkeit' geschieht. Und wir werden begreifen, dass das Erlegen von Tieren nicht mehr in der Art und Weise, wie es sich heute ereignet, notwendig sein wird, da wir durch Einfrieren, Konservieren, Haltbarmachen und neue, nachhaltige Anbauverfahren von Wintergemüse uns ganzjährlich von Gemüse ernähren können.


Die Tiere, sie sind schon eh und je unsere Begleiter und unsere Lehrer. Sie möchten jetzt, dass wir ihre Rufe nach Wandel hören. Denn auch sie sind im Wandel. Sie respektieren unsere Entwicklung, die wir über Jahrtausende gegangen sind, bedingungslos, freuen sich nun aber auch darüber, dass jeder in kommender Zeit aufwachen wird, um ihnen bewusst als gleichwertige Erdenbewohner zu begegnen.

Author: 

Marlen Groher